Eröffnungsrede zur Eritrean Diaspora Academy, 8. April 2017


Wie sieht der Tag einer unbegleiteten Minderjährigen aus?

von Semhar Negash

Salem ist ein 18-jähriges Mädchen aus Eritrea. Sie war in einem Asylzentrum für UMA in Bern und besucht eine Schule von 07:40 bis 16:30. Für meine Feldforschung bin ich heute auch in Salems Klasse. Im Unterricht gibt das Thema über die Berufswahl in der Schweiz. Salem fühlt sich unsicher, weil sie noch nicht weiss, welchen Beruf sie lernen will. Ich kenne Salem seit einem Jahr, lernte sie kennen das erste Mal als sie im Asylheim für UMA war. Damals hatte sie die Erlebnisse aus ihrer Flucht noch nicht ganz verarbeitet. Aber trotzdem war sie sehr interessiert die Sprache zu lernen und wollte viel über das Leben in der der Schweiz erfahren. Nach einem Jahr wirkte Salem noch motiviert, aber nicht mehr so neugierig wie zu Beginn. Diese Veränderung hat mich enttäuscht und liess mich mit offenen Fragen zurück.

In der Pause hat mich Salem gebeten, ob ich die Zeit hätte, um ihre Briefe zu lesen. Ja, ich hatte Zeit für sie. Salem hat viele Briefe, die ich gelesen habe. Es hatte eine Betreibung und zwei Mahnungen einer Krankenversicherung. Ich habe Salem informiert, dass sie eine Betreibung hat und ihr erklärt, was das bedeutet.

Wenn ich den Leuten erzähle, dass ich als Betreuerin mit UMA arbeite, sind die meisten Fragen: Brauchst du viel Geduld mit ihnen? Wie geht es ihnen psychisch? Habt ihr Probleme mit Alkohol und der Polizei? Auch mit meinen Landsleuten habe ich oft Diskussionen über die UMA, weil selbst sie auch denken, dass die UMA ein schlechtes Bild auf uns Eritreer abgeben. Durch die negativen Berichte in den Medien entstehen solche Vorurteile wie Alkohol, dass sie mit dem Handy lange telefonieren und rumhängen. Das betrifft ja nicht alle.

Meine Aufgabe als Betreuerin ist es, die UMA bei der Integration in der Schweiz zu unterstützen. Es ist mein Tagesgeschäft mit ihnen zu sein und ich merke/spüre, dass sie sich Mühe geben und vorwärts kommen wollen, aber es schmerzt und ist schade, wenn die UMA’s in der Öffentlichkeit mit den obengenannten Vorurteile verbunden werden.
Eigentlich würde ich lieber Fragen hören wie: Wie geht es ihnen in der Schule? Haben sie irgendeine Möglichkeit eine Lehrstelle zu finden? Wie integrieren sie sich? Welche Schwierigkeiten haben sie in unserem Land? Fühlen sie sich wohl in der Schweiz? Schaffen sie das?

Das Interesse für das Thema zu meiner Masterarbeit kommt von der Zusammenarbeit mit den UMAs und solch erwähnten Vorurteile. Mit meinen kritischen Forschungsfragen habe ich versucht zu zeigen, wie der Tagesablauf von UMAs aussieht. Welche Schwierigkeiten und Herausforderungen haben sie? Welche Strategien haben sie, um mit ihrem neuen Kontext (Leben) zurecht zu kommen?

Salem hat eine Sozialarbeiterin die sie bei Integration Prozess (so wie Brief lesen) unterstützt und in der Schweiz gibt es auch Experten die für Berufswahl beraten. Trotzdem ist es für Salem immer noch schwierig, ihren Weg zu finden. Durch meine Forschung habe ich herausgefunden, dass Salem Ehrgeizig ist etwas zu erreichen aber sie noch Schwierigkeiten hat: Mit verschiedenen Vorurteilen als ‚Frau’ und Image des ‚ Flüchtlings’ , Kommunikation mit verschiedene Behörde sowie Sozialarbeitern, mit dem System und dem Weg wie man etwas erreichen kann, mit Post-traumatischen Syndromen, dem Dilemma zwischen zwei Welt; eine gute Eritreerin und gut integrierte Asylsuchende zu sein) und ihre Fähigkeiten zu fördern.

Meine befragten UMA wie Salem wissen, dass ihre Zukunft von ihrer beruflichen Entwicklung und dem zusammenleben in der Gesellschaft abhängt. Aber sie sind immer noch überfordert ihr Leben aufzubauen. Sie wünschen mehr fachliche Unterstützung von Leuten die mehr Hintergrundwissen, sowie von Leuten die Interkulturelle Erfahrung haben. Sie brauchen die Gelegenheit, sich selber über ihr Leben zu äussern zu können. Sie brauchen, Menschen die sich selber diesen Integrationsweg gegangen sind und ihnen den Weg zeigen können. Darum brauchen wir eine Eritrean Diaspora Academy.